Herbert Hauke und Sigi Müller graben ganz tief in der Schatzkiste ihrer Erinnerungen und veröffentlichen regelmäßig Anekdoten aus der Welt des Rock

Verpasste Chance

Kunstvoll bemalter U2-Trabbi1992 entstand die Idee, dass erste Deutsche Rock & Pop-Museum zu gründen. Aufgrund erster Pressemeldungen schrieb mir ein gewisser Herr Christopher Fritz eine nette Postkarte. Mit dieser bot er mir einen von Thierry Noir bemalten Trabbi an. Staunend las ich, dass er ihn bei einer Verlosung einer bekannten Musikzeitschrift gewonnen hat und gerne dem neuen Museum anbieten würde.

Der Preis lag nach meiner Erinnerung bei 12.000 DM. Als passionierter Sammler herrschte chronische Ebbe in meinem Geldbeutel. Zur Feier der Eröffnung der ersten Ausstellung des Rockmuseums stand der Trabbi aber immerhin leihweise in der Veranstaltungshalle und brachte die Besucher zum Staunen. Trotz Absperrung ließen es sich einige Fans nicht nehmen, mal kurz hinter das Lenkrad zu klettern. Der Versuch einiger U2-Jünger, etwas Lack als Souvenir abzukratzen, strapazierte die Nerven des verantwortlichen Securitymannes zusätzlich.

Letztlich hatte ich aber damals noch keinen Platz in einem dauerhaften Museum. Und leider seinerzeit nicht mal das aus heutiger Sicht wenige Geld für das historische Fahrzeug. Daher wurde nix aus dem angebotenen Deal. Wenn ich mich recht entsinne, wurde das gute Stück von Herrn Fritz nach meiner Absage an das Hard Rock Café in Berlin verkauft.

VIPs in Bavaria

Postkarte von U2 aus dem RockmuseumIm Münchner Stadtteil Nymphenburg liegt der Botanische Garten. Ein beliebter Anlaufpunkt für Touristen aus aller Welt. So auch damals für vier junge Leute aus Irland mit noch geringem Bekanntheitsgrad.

Sie genossen in der bayerischen Landeshauptstadt Kaffee und Kuchen im Café Palmengarten unerkannt unter vielen anderen Gästen. Eigentlich wollten die Boys, die ihre Band – warum auch immer – nach einem berühmten Spionageflugzeug benannt hatten, nur eine Postkarte in ihre Heimat absenden. Doch sie waren begeistert, wie nett der Ober sie in diesem Cafe bedient hatte. Sie freuten sich darüber, damals noch ungewohntes VIP-Treatment zu erhalten und auf einen echten U2-Fan zu treffen.

So entschieden sie sich spontan dem freundlichen Servicemann eine Freude zu machen und signierten ihm die Postkarte. Von dort gelangte sie Jahre später ins Rockmuseum und war stets ein sehr beliebtes Exponat aller Fans von Bono & Co.

Karten-Boom und Bum-Bum bei Led Zeppelin

LED ZEPPELIN – Einer der ganz großen Namen in der Rock History. Bei ihrem letzten gemeinsamen Konzert im Jahr 2007 ohne den mittlerweile verstorbenen Schlagzeuger John Bonham brachen sie einen Rekord nach dem anderen. Im „Guinness Buch der Weltrekorde“ sind sie mit der höchsten Nachfrage, die jemals für Konzerttickets bestand, geführt. Satte 20 Millionen (!!!) Menschen wollten eine Eintrittskarte haben. Es gab aber nur 20.000 Karten, die in Rekordzeit ausverkauft waren. Die Schwarzmarktpreise gingen in astronomische Höhen.

Da hatten es die Münchner Rockfans im Jahr 1973 deutlich leichter. Die Olympiahalle war nicht einmal ausverkauft. Für müde 14,30 Deutsche Mark konnte man dabei sein. Der Kritiker der Abendzeitung war wenig begeistert und sprach von 20 Minuten guter Musik. Davon waren alleine 15 Minuten dem Song „Whole lotta Love“ gewidmet, wie Rockmuseums-Direktor Herbert Hauke als Augen- und Ohrenzeuge berichten kann. Der Rest des Abends war nach Einschätzung des Kritikers “BUM-BUM”. Hoffentlich war beim Abschiedskonzert der Band im Jahr 2007 weniger BUM-BUM dabei.

 

Huch, was ist denn das? Ein Rauschgift-Informations-Festival?

Ja, anno 1970 sickerten so allerlei seltsame Heilkräuter fast über Nacht nach Deutschland ein. „Haschu Haschisch in den Taschen, haschu immer was zu naschen“, war der gängige Slogan aller Nachwuchs-Hippies. Die Behörden ratlos, die Eltern besorgt und Juliane Werding beklagte auch noch den Verlust von Conny Kramer (übrigens nach der Melodie von „The Night they drove old Dixie down“ der amerikanischen Protest-Ikone Joan Baez). 

So flatterte dem ehrwürdigen Circus Krone ein merkwürdiger Abend ins Haus, der mehr Fragen als Antworten hinterließ. Die legendäre Musikjournalistin Ingeborg Schober schrieb eine denkwürdige Kritik. Das ausgerechnet Gitarrengott Jimi Hendrix am Tag der Veranstaltung an Drogenmissbrauch starb, ist schon ein sehr, sehr gruseliger Zufall.

Wenn man sich die Zahlen der Drogentoten seit 1970 und den heutigen Drogenkonsum anschaut, muss man konstatieren, dieses Festival war ein totaler Flop. Außer für die Münchner Drogendealer, die an jenem Abend das Motto wohl völlig falsch verstanden haben mussten und fröhlich und unbehelligt beste Umsätze tätigten.

Tierische Zeiten in München

Pink Floyd, Pioniere der „Psychedelic-Ära“, feierten 1977 in München die Veröfentlichung ihres neuen Albums „Animals“. In Sergio Cosmais Disko EASTSIDE im Motorama an der Rosenheimer Straße versammelte sich dazu ein erlesener Kreis der seltensten Szene-Tierchen, um animalisch abzufeiern. Das Ganze startete erst eine halbe Stunde vor Mitternacht. Dann aber brachten sich Schweine, Hunde und Schafe der Münchner Szene in allerbester Stimmung gemeinsam um die Nachtruhe.

Selige Zeiten, als die Plattenfirmen noch in Geld schwammen und der Fantasie keine Grenzen gesetzt waren. Millionen von Tonträgern von einem Album abzusetzen, diese Zeiten sind endgültig vorbei. Und damit auch die rauschenden Feste der Promotion-Abteilungen. Heute muss man, statt von herunter regnenden Dollarscheinen zu träumen, wieder ganz brav gewöhnliche Schäfchen vor dem Einschlafen zählen.

Eintrittskarten als Zeitzeugen

Eintrittskarte zu

 

Selbst nach einem halben Jahrhundert kann eine Eintrittskarte noch viel erzählen. Der Münchner Komponist und Allround Künstler Eberhard Schöner präsentierte unter dem Thema „Rock meets Classic“ die spannende Verbindung von Rockmusik und Klassik.

Im Rahmen seiner Proben und Konzerte entdeckte er sozusagen nebenbei einen späteren Weltstar. Ein unscheinbares Talent namens Gordon Matthew Sumner wurde von Eberhard Schöner gefördert und sollte im Lauf der nächsten Jahrzehnte mit dem Künstlernamen Sting und seiner „Polizeiband“ für reichlich Furore sorgen. Im Rahmen von „Rock meets Classic“ konnte man den legendären Drummer Pete York von der Spencer Davis Group im Zusammenspiel mit Künstlerkollegen von Deep Purple und Roxy Music bewundern. Meister Schöner und seinerzeit das Symphonie Orchester von Radio Luxemburg sorgten in der Olympiahalle für Begeisterung.

Von den damaligen 18 DM Eintritt „zwickte“ sich die Stadt München 30 Pfennig pro Karte ab, um das Wohnungsbauprogramm nach den Olympischen Spielen 1972 zu füllen. Somit hat der damals 18-jährige Rockmuseums-Gründer Herbert Hauke mit seinem sauer verdienten Taschengeld für neuen Wohnraum in der bayerischen Landeshauptstadt gesorgt. Zwar nur mit 30 Pfennig, aber Kleinvieh macht eben auch Mist, beziehungsweise neue Betonburgen.

 

Konzertplakate: Kunst und Zeitgeschichte

Konzertplakat von Mott The Hoople

Wirken heute so manche Konzertplakate sehr fantasiefrei und ausdruckslos, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Mit viel Fantasie, Farbe und Ideenreichtum wurden Konzerte in den Siebziger Jahren beworben. 

Hier ein schönes Beispiel aus dem Archiv von Herbi Hauke: das Konzertplakat für „Mott the Hoople“ aus dem Jahr 1974. Selbst wenn der eine oder andere die Band heute vielleicht nicht mehr kennt, das Artwork ist immer noch einen Blick wert. Der damalige Veranstaltungsort, das Theater an der Brienner Straße, war in den 1970ern sehr beliebt für Konzerte. Auch die Band Queen absolvierte 1974 dort ihren ersten Gig in München. 1983 bezog das Münchner Volkstheater die Räumlichkeiten. 

Nun aber zurück zu den Konzertplakaten. Wenn Sie Herbi eine Freude machen wollen: Ab in den Keller und nachschauen was Papa und Mama da so gesammelt haben! Das Rockmuseum freut sich über jeden Neuzugang, insbesondere wenn es Altpapier in dieser schönen Form ist.

 

Konzertfotografie, ihre Unsinnigkeiten und wie Art Garfunkel als Karikatur endete

Ob der normale Zuschauer überhaupt ahnt, was für Kreuzgänge die Fotografen oft hinter sich haben, bis sie irgendwann geschlossen im Konzertsaal aufmarschieren, wenn es gut geht, in den Graben, wenn es nicht so gut geht, 20 Meter von der Bühne weg, auf die Knie in den Dreck, oder was auch immer den Managements so einfällt. Nun ist es nicht so, dass man die Bilder an die Presse gibt, auf denen der Künstler gerade sabbert, die Zunge heraushängen hat oder sonstwie blöd aussieht. Immer aber glaubt das Management hier Hilfe leisten zu müssen. Besonders beliebt sind Verträge, die die Bildverwendung einschränken, oder einfach die Bildrechte kostenlos einfordern, um damit den kompletten Merchandisingbereich abzudecken, ohne die Fotografen zu bezahlen. Die Künstler wissen in der Regel nichts davon, wundern sich, dass die Fotografen nach kurzer Zeit wieder verschwinden. Aus diesem Grund habe ich auch meine Aktivitäten diesbezüglich weitgehend eingestellt.

Ein sehr „gelungener“ Abend war 2006 das Konzert von Art Garfunkel in München. Dort traf ich auf ein Management, welches sich offensichtlich ausschließlich damit beschäftigte, wie man den Fotografen am Meisten auf den Wecker geht. Zunächst wurden nur zwei Fotografen zugelassen. Ich war einer davon. Das Konzert war bestuhlt und wir sollten uns vor die Leute stellen, die auf ihren Stühlen sitzend, sicher mehr sehen wollten als unsere Hintern. Im Zuschauerbereich mittig war ein Podest aufgebaut mit einem Mischpult, und ein amerikanischer Kameramann sollte, über die Leute hinweg, das Konzert filmen.

Nachdem es einen nicht abreißenden, ständigen Zoff mit den Zuschauern gab, bereits zwei Ordner einschreiten mussten, fragte ich den Filmer, ob wir vor ihm stehen könnten. „No problem, buddy“, lautete die Antwort und so standen wir bis zwei Minuten vor dem Konzert dort, bis ein Manager, dem Herzinfarkt nahe, hinter der Bühne vorstürzte und schon von weitem mit Händen und Füßen gestikulierte, wir müssten sofort da weg, der Art hätte keinen Blickkontakt zu seinem Tonmeister. Nun muss man wissen, dass der Art seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, weitgehend die gleichen Songs singt und er doch bald einmal drei Songs, ohne den Blick auf den Tonmeister performen können sollte. Dann explodierte die Bühne, Art Garfunkel stand wie festgenagelt hinter dem Mikro, hob einmal die Linke und zweimal die rechte Hand, ansonsten nahezu unbewegt. Zeit genug ihn zu malen, denn es gab noch ein kleines Problem. Ich hatte zwei Bildvorbestellungen, durfte aber nur ein Medium beliefern. So kam es, dass ich Art malte und damit das zweite Medium belieferte. Wurde sogar veröffentlicht und mit ein paar witzigen Zeilen beschriftet.

It’s only Rock’n’Roll …

Eine schöne Zeit,

Ihr Sigi Müller

 

Das erste Konzert in der Olympiahalle – Deep Purple 1973

Das Wort historisch ist für diese beiden Sammlerstücke aus dem Archiv des Rockmuseums nicht zu hoch gegriffen. Hatte München bis zum Bau der olympischen Sportanlagen für Rockkonzerte doch nur Konzertstätten mit überschaubarer Kapazität. Die nacholympische Nutzung der für Olympia 1972 errichteten Hallen und des Olympiastadions kam zufällig genau zur richtigen Zeit.

Denn Anfang der Siebziger Jahre waren sogenannte „Supergroups“ wie Led Zeppelin, Pink Floyd oder Emerson, Lake & Palmer zu Zuschauermagneten geworden, für die die kleinere Hallen längst nicht mehr ausreichten. Sie alle hätten wohl München nicht mehr als Veranstaltungsort gewählt, da ihnen der Circus Krone oder der Kongresssaal im Deutschen Museum zu wenig Fassungsvermögen geboten hätten.

Da kam der mutige Schachzug des Olympiaparks gerade recht, unter anderem die Olympiahalle für Konzerte zu nutzen. Den erste Testlauf sollte die Hard-Rock-Legende Deep Purple durchführen. Einzig Gitarrist Ritchie Blackmore bekam die Auflage, seine berüchtigte Gitarren-Zerstörungsorgie an diesem Abend zu unterlassen. Wohl um das Publikum nicht allzu sehr aufzupeitschen.

Der 21. Januar 1973 wurde ein absoluter Meilenstein zum Start einer jahrzehntelangen Serie von Rockkonzerten im Olympiapark. Obwohl Deep Purple die Halle mit sage und schreibe 10.000 Watt pro Quadratmeter beschallten und auf dem Höhepunkt ihres Schaffens waren (Anspieltipp: „Deep Purple – Made in Japan“), gab es keinerlei Vorfälle oder Probleme in der nagelneuen Olympiahalle.

Die Feuertaufe wurde bestanden, obwohl die Hardrocker aus England mit gewaltigem Sound gleich mal die Haltbarkeit der Halle getestet hatten. Mit „Highway Star“, „Smoke on the Water“, „Black Night“ und „Child in Time“ hatten sie einen großen Eindruck bei den anwesenden „Testpersonen“ hinterlassen.

Übrigens auch bei Rockmuseums-Gründer Herbert Hauke, der sich seinerzeit die 15,30 Deutsche Mark Eintritt von schlappen 20 DM monatlichem Taschengeld abgespart hatte.