Fashion * Mode – der Blog über Mode und Musik in München

Klar, Munich ist Music. Aber Munich ist auch Mode.

Hinter jedem Star steckt ein Look, der oft mehr über seine Musik aussagt als jedes Interview, Musikvideo oder Fotoshooting. Auf diesem Blog wird es schrill, glamourös, stil(un)sicher, aber eben auch sehr persönlich. Wir schauen hinter die Kulissen – oder besser, in die Kleiderschränke – unserer Idole, um zu verstehen, wer sie wirklich sind, wofür ihre Bühnen-Outfits stehen, was sie privat tragen. In München, and all over the world.

MCoM-Autorin Lisa Nehrkorn, die Fashion Queen hinter diesem Blog
Tina Turner 1985 in der Olympiahalle

Tina Turner:
Glitzerkleider und ein schillerndes Comeback

Es kracht und funkelt. Tina Turner steht auf der Bühne, an ihrem Körper ein schimmerndes Kettenhemd-Kleidchen. Ein Gürtel betont ihre Taille. Roter Lippenstift, rote Nägel und ihre typisch voluminöse Mähne vervollständigen den Look.

Hört man die begeisterten Erzählungen jener Leute, die die jüngst verstorbene Sängerin live erleben durften, weiß man: Ihre Konzerte waren ein musikalisches und visuelles Spektakel nicht nur wegen Effekten, Tänzer*innen und Licht, sondern vielmehr wegen ihrer wortwörtlich schillernden Präsenz.

Tina Turner 1973Die amerikanische Musikerin, die ihre letzten Jahrzehnte in der Schweiz verbrachte, wusste ihr hingebungsvolles Publikum mit ihren Bühnenlooks in ihren Bann zu ziehen. Ihr Markenzeichen? Glitzer. In allen Farbvariationen (schwarz, rot, gold, silber) und Texturen (Pailletten, Steinchen, Fransen). Kurz und körperbetont waren ihre Kleider immer und im Kontext ihrer Geschichte, die von physischer Gewalt und Missbrauch geprägt ist damit womöglich Statement und Schutzschild zugleich.

Glitzer galt schon immer als Ausdruck von großen Emotionen und fasziniert die Menschen seit Jahrtausenden. Bereits die Alten Ägypter*innen zermahlten Käfer, um schimmernde Pigmente für Kosmetik herzustellen. 1934, also tausende Jahre später, soll der Amerikaner Henry Ruschmann aus Versehen den ersten Kunststoffglitzer erfunden haben, als seine Fotomaschine zu stotternbegann und kleine glänzende Schnipsel ausspuckte.

Es folgten der kommerzielle Vertrieb und ein stetig wachsendes Angebot an Glitzerprodukten, an dem sich im Laufe des 20. Jahrhundert viele Musiker*innen bedienten. David Bowie etwa schuf Anfang der 1970er sein exzentrisches Alter Ego Ziggy Stardust. Mit einer speziellen Farbe aus Deutschland zeichnete er sich seinen berühmten goldenen Kreis auf die Stirn und paarte die auffällige Gesichtsmalerei mit gestreiften Glitzeranzügen, paillettenbesetzten XXL-Armreifen oder nass glänzendem Vinyl.

Abseits des Popkosmos machte sich die LGBTQ-Community den eher mit femininen Eigenschaften assoziierten Glitzer zu eigen. Von der amerikanischen Ballroom-Welt bis hin zu den Club Kids im New York der 80er-Jahre gilt der auffällige Style als Ausdruck von Andersartigkeit, Flamboyance und Zusammengehörigkeit, wie sie oft nachts stattfindet.

Tina TurnerAber nicht nur in der queeren Welt gelten die irisierenden Pigmente, die bei jeder Bewegung eine neue, unerwartete Reflexion hervorbringen, als Zeichen des Widerstands. Tina Turner, die ihre Karriere in den späten 50ern mithilfe ihres Ehemanns Ike Turner startete, litt jahrelangen unter der häuslichen Gewalt ihres Partners. 1976 floh sie aus der Ehe; 1984 erschien ihr Album Private Dancer“ – laut dem Musikmagazin Billboard eines der größten Comebacks der Musikgeschichte. Auf der Rückseite der Platte ist Turners Unterkörper in einer breitbeinigen Power-Pose und High Heels abgebildet. Sie trägt? Ihr Markenzeichen ein Kleid aus Glitzer, hier ein knappes Modell in Schwarz das in diesem Moment zum glamourösen Symbol ihres persönlichen Triumphs avanciert.

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Foto oben: Didi Zill, aufgenommen 1985 in der Olympiahalle München
Foto Mitte: Rainer Schwanke, aufgenommen 1973 in München
Foto unten: Tom Schmid/Archiv Herbert Hauke, aufgenommen 1973 im Circus Krone München

Fashion Freak Show

Jean Paul Gaultier und die MusikTeil 1

Jean Paul Gaultiers Fashion Freak Show” (Foto: Mark Senior) kommt ab dem 20. Juli 2023 für mehrere Abende in den Münchner Gasteig. MCoM schaut aus diesem Anlass in einem zweiteiligen Beitrag auf das Lebenswerk des 71-jährigen Modedesigners zurück, in dem die Musik als Inspiration, Marketingspielwiese und politische Plattform seither einen besonderen Platz findet.

3 Musikmomente in Jean Paul Gaultiers Karriere

Ein Material Girl der besonderen Art

Madonna-Bustier in der Fashion Freak ShowZusammen schrieben Jean Paul Gaultier und Madonna Modegeschichtebis heute. Denn auf ihrer bevorstehenden Jubiläumstour will die amerikanische Sängerin alte Bühnenoutfits des französischen Couturier aus den Archiven hervorholen. Dazu zählt auch der markante konische BH, den Gaultier für MadonnasBlond Ambition-Tour 1990 anfertigte und der als aufregendstes Intermezzo der beiden Kultfiguren gelten dürfte.

Auch heute ist die stilprägende Silhouette unter Celebrities gefragt. So zeigten sich Sängerinnen wie Doja Cat, Cardi B oder Lizzo in ihren eigenen Interpretationen des Originals auf der Bühne. Übrigens: Zuerst getragen hat den Look niemand Geringeres als ein Teddy namens Nana, der im Gaultier’schen Kinderzimmer Model für den Prototyp des BHs stand. Das Enfant terrible der Mode bezeichnete das Kuscheltier in einem Interview mit Galaals ersten Transgender-Bär.

Foto: Fashion Freak Show

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Männer im Rock

Gaultier, der erst kürzlich zwischen den Rockern der Scorpions auf der Germany Next Topmodel-Finalcouch in Köln zu sehen war, wusste schon immer um die Kraft der Provokation. Im Jahr 1985 landete er jedoch einen seiner womöglich politischsten Coups, indem er der Unisexgarderobe ein neues Stück Kleidung und damit Freiheit schenkte: den Männerrock.

Auch wenn diese Art der Beinbekleidung außer der namentlichen Doppeldeutigkeit nicht viel mit Musik zu tun hat, ist sie durchaus eine Erwähnung wert. Denn seit der Einführung des modischen Revoluzzers in Gaultiers Frühjahr/Sommer-Schau 1985,Et Dieu Créa lHomme, ließen sich immer mehr Musiker in dem luftigen Look blicken: Nirvana banden sich in den 90ern für eine Modestrecke wild bemusterte Schale als Unterteil um. Der amerikanische Rapper A$AP Rocky trat letztes Jahr in einem schwarzen Lederrock auf die Straße. Und Harry Styles gilt in Rock und Kleid als Wegbereiter der neuen Männlichkeit.

Von Marketingstunts und Liebe zum Aufsprühen

Ein Klassiker durch und durch: Gaultiers Damenduft Classiquegehört zu den am meisten verkauften Parfums der Maison. Dieses Jahr feiert der kurvige Flakon mit der unverkennbar süßen Kompostion aus Ingwer, Orangenblüte und Vanille 30-jährigen Geburtstag.

Über die Jahre orchestrierte der Designer für jenes erste Eau de Parfum seiner Marke einige Kampagnen, die sich getreu dem Namen an Klassik und Klassikern der Musik orientierten: So benetzten sich in einem früheren TV-Spot Models zu den Klängen von Opernsänger Hubert Soudant aus der Donizetti-Oper Lelisir damore“ mit dem pudrigen Duft. Und im Jahr 2008 präsentierte Gaultier das zartrosa Fläschchen in einer mit schwarzen Noten bedruckten Musikbox, die beim Öffnen Love me Tendervon Elvis Presley abspielte angeblich ein persönlicher Favorit des französischen Couturiers.

Es wird freaky und zwar im zweiten Teil des Jean-Paul-Gaultier-Specials. MCoM wirft dort einen Blick auf Wannabe-Musiker*innen in Fashion Shows, das Musikfernsehen der 80er-Jahre und die bevorstehende Inszenierung der Fashion Freak Showim Gasteig.

Jean Paul Gaultier und die MusikTeil 2

Ab dem 20. Juli 2023 wird Jean Paul Gaultiers Fashion Freak Show in Deutschland exklusiv in der Münchner Isarphilharmonie gezeigt. In Teil 2 des Specials zum französischen Modedesigner blickt MCoM auf drei weitere Musikmomente in der Karriere des Enfant terrible zurück:

Zeitreise oder Modenschau?

Mode und Musik sind aus dem kulturellen Stoff, aus dem unsere Gesellschaft geschneidert ist, nicht wegzudenken. Gaultier war sich der Parallelen beider künstlerischen Disziplinen stets bewusst, wie nicht zuletzt seine langjährige Zusammenarbeit mit Madonna zeigt (siehe Teil 1). Im Frühjahr/Sommer 2013 widmete der Franzose schließlich eine gesamte Show den Ikonen der Musikgeschichte. Grace Jones, Boy George, David Bowie, Sade oder ABBA waren nur einige, die dem Designer für diese Kollektion als Muse dienten. Für seinen Final Bow trat er mit niemanden Geringeren als Amanda Lear vor das Publikum, die bereits in der Show natürlich als sie selbst – über den Runway lief.

Video killed the radio star

oder so etwas Ähnliches muss sich Gaultier gedacht haben, als er 1989 seine Elektropop-Single How To Do Thateiner womöglich leicht verdutzen Fashion Crowd vorstellte. Im dazugehörigen Video sitzt der Couturier an seinem Schneidertisch mit einer tanzenden übergroßen Schere, während Naomi Campbell und Ann Magnuson in Aktion treten. Für seinen Ausflug in die Musik holte sich der Designer geballte Power aus der Musikindustrie an seine Seite: Tony Mansfield (a-ha, The B-52’s) produzierte den Track, Jean-Baptiste Mondino (Madonna, David Bowie, Sting) zeichnete für das Video verantwortlich. Das dürfte sich ausgezahlt haben: Über 2.000 Hörer:innen verbucht Gaultiers Spotify-Account monatlich, auf dem nur dieser einzige Song hochgeladen ist. Bis heute wurde der Song dort etwa 230.000 Mal geklickt.

Jean Paul Gaultier in München

Mit seiner Fashion Freak Show bringt der Modemacher nun sein 50 Jahre umfassendes Lebenswerk auf die Bühne der Münchner Isarphilharmonie. Ende Juli macht die Produktion ihren ersten und bislang einzigen Deutschlandstopp ihrer Welttour. Die Show, eine berauschende Revue aus Mode und Performance, dient zugleich als Hommage an viele Wegbegleiter:innen des Designers wie die Musikerinnen Kylie Minogue, Madonna oder Mylène Farmer. Die Veranstalter versprechen eine einzige große, ausgelassene Party.

Schaut ihr euch die Fashion Freak Showauch an? Oder habt ihr eure eigene Erinnerung oder Meinung zu Jean Paul Gaultier und seiner Mode? Dann schreibt uns an socialmedia@munichcityofmusic.de.

Maestras der Mode

An der Spitze keines einzigen großen deutschen Orchesters stand bis dato eine Chefdirigentin. Mit seinem jüngsten Film „Tár“ reihte Todd Field nun zumindest eine Kunstfigur in diese nicht existierende Kategorie ein. Schaut man über die Ländergrenze hinweg, findet man sie jedoch: einige wenige Maestras, die den Taktstock vor den besten Ensembles der Welt schwingen. Dabei hat sich jede dieser bewundernswerten Frauen eine eigene visuelle Identität auf der Bühne geschaffen. Während „Tár“ im Fiktiven dem männlich gelesenen Frack treu bleibt, sieht man auf den internationalen Bühnen Samt und Spitze, Leder und Farbe, Schmuck und Haut vor allem aber den Beweis, dass das Geschlecht beim Dirigieren bestimmt eine Rolle spielt, aber sicherlich keine primäre.

7 Dirigentinnen, die modische High Notes treffen:

Alexandra Arrieche

Alexandra ArriecheSeit letztem Jahr dürften wieder einige tausend Münchner:innen mehr den Namen Alexandra Arrieche kennen, die seit 2015 als Chefdirigentin bei den Night of the Promsauf dem Podium steht. Schließlich lockt die Konzertreihe in manchen Jahren bis zu 40.000 Zuschauer:innen in die Olympiahalle. Dass die Brasilianerin hier die Zügel in der Hand hat, müsste sie modisch eigentlich gar nicht hervorheben tut sie aber trotzdem gerne. In ihrem mittlerweile berühmten großen Schwarzen das vorne die Illusion eines Minirocks erzeugt und hinten in einen dramatisch voluminösen Rock übergeht , aber auch mal im Equestrian Look mit Lederhose und silbergeknöpftem Turnierjacket.

Foto: Sven Mandel / CC-BY-SA-4.0

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Alondra de la Parra

Samt, Seide und feminin verspielte Kragen scheinen Favoriten der Mexikanerin Alondra de la Parra zu sein, die in der aktuellen Spielzeit gemeinsam mit den Münchner Symphonikern den Brahms-Zyklus in verschiedenen Spielstätten nach Tutzingen brachte. Musik ist sowohl weiblich als auch männlich, und jeder Mensch hat ein bisschen von beidem. Um zu dirigieren, muss ich beide Seiten in mir nutzen, so wie jede:r andere auch, verriet die gebürtige New Yorkerin in einem Gastbeitrag für die Website „Do It In Paris“ kund. Indiz dafür dürfte ihre Vorliebe für den bis zum Hals hochgeknöpften Hemdkragen sein, der traditionell zum Frack getragen wird und stets eine populäre Wahl unter ihrer männlichen Kollegenschaft ist.

Gisèle Ben-Dor

Mit einem einfachen Trick verleiht Gisèle Ben-Dor jedem ihrer Bühnenlooks (im wahrsten Sinne des Wortes) ihre eigene Note. Schaut man sich die Garderobe der in Uruguay geborenen Maestra an, findet man neben verschiedenen Texturen und Verzierungen wie Brokat, floral gewundener Stickerei oder dichten schwarzen Pailletten auffällig oft Broschen oder Ansteckblumen. Ein kleiner, aber feiner Paukenschlag, in dem sich vielleicht das Temperament der lateinamerikanischen Musik widerspiegelt, für dessen Renaissance Ben-Dor als eine der bewandertsten Expertinnen auf diesem Gebiet mitverantwortlich ist.

Jeri Lynne Johnson

Warum irgendein Orchester dirigieren, wenn es doch das eigene sein könnte? Das hat sich vielleicht auch Jeri Lynne Johnson gedacht, als sie 2008 das Black Pearl Chamber Orchestra als Modell für das amerikanische Orchester des 21. Jahrhundertsgründete. Den Taktstock in der einen Hand, nahm sie mit der anderen 2005 auch gleich noch als erste Schwarze Frau einen internationalen Dirigent:innenpreis entgegen, das Taki Alsop Conducting Fellowship. Ihren Anspruch für Qualität beweist Johnson auch beim Griff in den Kleiderschrank: Dort finden sich akkurates Tailoring, luxuriöse Gold-Beige-Kombis und ein schwarzer Blazer mit kontrastierenden glänzenden Streifen.

Marin Alsop

Marin Alsop ist für zwei Dinge bekannt das eine von großer Bedeutung, das andere eher minutiöser Natur: Zum einen leitet sie als Dirigentin des Baltimore Symphony Orchestras als erste Frau ein großes US-amerikanisches Orchester. Zum anderen hat sie sich ein visuelles Markenzeichen geschafft, dass sich einprägt: Mit der Farbe Rot setzt die gebürtige New Yorkerin ein modisches Forzando, das an ihrer schwarzen Dirigentinnenuniform an Kragen und Ärmeln hervorsticht. Übrigens: Alsop soll als Vorbild für Cate Blanchetts Rolle in Tárgedient haben, distanziert sich jedoch von dem aktuell im Kino laufenden Film und bezeichnet ihn gar als anti-woman.

Barbara Hannigan

Für [das 2012 aufgeführte Dramolett] Façade trug ich etwas, das der Theatralik des Stücks entsprach ein trägerloses Abendkleid. Viele Dirigentinnen tragen entweder geschlechtsneutrale Kleidung oder etwas, das einem Männeranzug ähnelt. Ich dachte, Hose und Jacke seien das Kostüm, das ich tragen müsste. Meine Arme jedoch mit einer Jacke zu bedecken, dient vielleicht der Konvention, aber nicht der Musik. Seitdem trage ich zum Dirigieren ein ärmelloses Kleid. Ich kann mich darin bewegen und es lenkt weder mich noch das Orchester abund es passt zur Musik auf dem Programm. Von den Orchestern und dem Publikum habe ich bisher nur positive Rückmeldung bekommen. Keiner findet es problematisch, dass ich nicht in einem nüchternen dunklen Anzug daherkomme. Kritiker:innen machen allerdings immer wieder Bemerkungen zu meinen Klamotten, was sie bei Dirigenten nicht regelmäßig tun.”   

An dieser Stelle dürfte diese Antwort aus einem Guardian-Interview mit der renommierten kanadischen Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan für sich sprechen.

Lydia Tár

Lydia Tár die erste Dirigentin eines großen deutschen Orchesters. Es gibt sie (noch) nicht in der realen Welt. Trotzdem hat die von Cate Blanchett gespielte Dirigentin im gleichnamigen Film Tárihre Golden-Globe-prämierten Spuren auf der Leinwand und auf dem aktuellen Moderadar hinterlassen. Während alle Welt von ihrer Off-duty-Garderobe (Berliner Understatement mit reichlich Cashmere über den Schultern, hochgeschnittenen Hosen, langem Mantel und Basecap) schwärmt, gebührt auch ihrer Garderobe auf dem Podium eine Erwähnung. Diese besteht aus einem strengen Dirigentendreiteiler aus schwarzem Frack, knackig weißem Hemd und einer weißen Weste (Achtung, letzteres bitte nicht allzu wörtlich nehmen).

Space Age: Sternstunde des guten Geschmacks?

Lauscht man so manch richtig guter Musik, bekommt man das Gefühl, sie griffe nach den Sternen. Oder eben dem Ungreifbaren. Etwas Höherem. Kein Wunder, dass wir ihre Interpret:innen gerne als Stars bezeichnen.

Dieses Streben nach dem Äther prägte ab den 1950ern eine eigene Stilrichtung: Die Russen launchten Sputnik. Die Amerikaner flogen zum Mond. Das Space Age war geboren. Stars sangen nun über die Stars – oder ließen sich zumindest musikalisch von der Undefinierbarkeit des Jenseits und dem technologischen Fortschritt der Raumfahrt inspirieren. Dazu zählen die britischen Boys von Hawkwind, die mit ihrem ersten gleichnamigen Album von 1970 als Begründer der Bewegung gelten, oder Pink Floyd mit ihren abgespacten, ins Psychedelische entgleitenden Sounds.

Supertramp CoverAuch Prog-Rock-Interpret:innen außerhalb der Definition des Space Rock wie Supertramp oder The Alan Parsons Project hörten auf die Sterne. “Crime of the Century” (1974) beziehungsweise “Eye in the Sky” (1982) senden musikalische und visuelle Signale, die Stile und Generationen durchdringen. Einmal to the moon and back.

All diese Künstler:innen performten auf den Bühnen Münchens. So auch im Olympiapark. Hier waltete und schaltete zu Zeiten der Olympiade übrigens einer der wichtigsten Modeschöpfer des Space Age: André Courrèges. Er gehörte zur Riege an Designer:innen, die das Universum gemeinsam mit seinen Kollegen Paco Rabanne und Pierre Cardin zum Modestatement erklärten: Sie schickten filigrane Astronaut:innen-Helme auf den Runway (den, der nicht in den Himmel abhebt), fügten Plastik – heute beinahe unerhört – zum Stilvokabular hinzu und rüsteten Models in Unmengen Silber und Gold für die nächste Modemission.

Cardin besuchte 1969 sogar die NASA-Zentrale im texanischen Houston. 1972, drei Jahre später, wurde Courrèges dann mit der Anfertigung der Uniform für das Olympia-Personal in München betraut. Der Franzose entschied sich hier zwar für einen sportlichen, bunten Safari-Look. Er ließ aber kleine Anspielungen wie weiße Akzente im Kragen und den Knopfleisten sowie Nähten einfließen, die als Überbleibsel der ikonischen weißen Stiefel aus dem Space Age gedeutet werden könnten – das Sahnehäubchen vieler damaliger Outfits.

Wer ein solches Ensemble einmal live sehen will, sollte einen Besuch im Münchner Stadtmuseum einplanen. Dort widmet sich die Ausstellung „München 72. Mode, Menschen und Musik“ noch bis März 2023 den kulturellen Artefakten, die mit den Spielen in die bayrische Landeshauptstadt schwappten.

Heute führen neue Kreative die Idee des Space Age in der Mode (Luftfahrt-Fashion von Olivier Rousteing bei Balmain Herbst/Winter 2021/22) und Musik (Arctic Monkeys Album ‘Tranquility Base Hotel & Casino’, 2018, über ein Luxusresort für Rockstars auf dem Mond) weiter. Natürlich könnte die Bewegung als infantile Realitätsflucht abgetan werden. Aber dass sie bis heute fortlebt, weist auf eine gewisse Beständigkeit und Relevanz hin. Denn während die NASA jüngst ihre Artemis 1 zum Mond sandte und sich am Horizont langsam die Utopie einer Marsbesiedelung abzeichnet, ist eins gewiss: Space Age Teil zwei kommt bestimmt.